Bluis Welt

Blui und die Welt um Blui herum

Was will uns der Dichter damit sagen?

Heute flatterte mir von Lyrikmail ein Gedicht Text in Haus das der doch etwas „anders“ zu sein scheint.

Da so etwas hier aber sicherlich gern gelesen wird und die Suchmaschinen endlich wieder einmal etwas zu tun bekommen möchten habe ich hier den Text für euch:

August von Platen (1796-1835)

Bilder Neapels

1827.

Fremdling, komm in das große Neapel, und sieh’s, und stirb!

Schlürfe Liebe, genieß des beweglichen Augenblicks Reichsten Traum, des Gemütes vereitelten Wunsch vergiß, Und was Quälendes sonst in das Leben ein Dämon wob:

Ja, hier lerne genießen, und dann, o Beglückter, stirb! –

Im Halbzirkel umher, an dem lachenden Golf entlang, Unabsehlich benetzt von dem laulichen Wogenschwall, Liegt von Schiffen und hohen Gebäuden ein weiter Kreis; Wo sich zwischen die Felsengeklüfte des Bacchus Laub Drängt, und stolz sich erhebt in die Winde der Palmenschaft. –

Stattlich ziehn von den Hügeln herab sich die Wohnungen Nach dem Ufer, und flach, wie ein Garten, erscheint das Dach:

Dort nun magst du die See von der Höh und den Berg besehn, Der sein aschiges Haupt in den eigenen Dampf verbirgt, Dort auch Rosen und Reben erziehn und der Aloe Starken Wuchs, und genießen die Kühle des Morgenwinds. –

Fünf Kastelle beschirmen und bändigen keck die Stadt:

Dort Sankt Elmo, wie droht’s von dem grünenden Berg herab!

Jenes andere, rings von Gewässer umplätschert, einst War’s der Garten Lukulls, des entthronten Augustulus Schönes Inselasyl, in die Welle hinausgestreckt. –

Wo du gehst, es ergießen in Strömen die Menschen sich:

Willst zum Strande du folgen vielleicht und die Fischer sehn, Wie mit nerviger Kraft an das Ufer sie ziehn das Netz, Singend, fröhlichen Muts, in beglückender Dürftigkeit?

Und schon lauert der bettelnde Mönch an dem Ufersand, Heischt sein Teil von dem Fang, und die Milderen reichen’s ihm.

Ihre Weiber indes, in beständiger Plauderlust, Sitzen unter den Türen, die Spindel zur Hand, umher.

Sieh, da zeigt sich ein heiteres Paar, und es zieht im Nu Kastagnetten hervor und beginnt die bacchantische Tarantella, den üppigen Tanz, und es bildet sich Um die beiden ein Kreis von Beschauenden flugs umher; Mädchen kommen sogleich und erregen das Tamburin, Dem einfacheren Ohr der Zufriedenen ist’s Musik:

Zierlich wendet die Schöne sich nun, und der blühende Jüngling auch. Wie er springt! wie er leicht und behend sich dreht, Stampfend, Feuer im Blick! Und er wirft ihr die Rose zu.

Anmut aber verläßt den Begehrenden nie, sie zähmt Sein wollüstiges Auge mit reizender Allgewalt:

Wohl dem Volke, dem Glücklichen, dem die Natur verliehn Angeborenes Maß, dem entfesselten Norden fremd! –

Durchs Gewühle mit Müh, ein Ermattender, drängst du dich Andre Gassen hindurch; der Verkäufer und Käufer Lärm Ringsum. Horch, wie sie preisen die Ware mit lautem Ruf!

Käuflich Alles, die Sache, der Mensch, und die Seele selbst.

Aus Karossen und sonstigem Pferdegespann, wie schrein Wagenlenker um dich, und der dürftige Knabe, der Auf die Kutsche sogleich, dir ein Diener zu sein, sich stellt.

Sieh, hier zügelt das Kabriolett ein beleibter Mönch, Und sein Eselchen geißelt ein anderer wohlgemut.

Kuppler lispeln indes, und es winselt ein Bettler dir Manches Ave, verschämt das Gesicht mit dem Tuch bedeckt.

Dort steht müßiges Volk um den hölzernen Pulcinell, Der vom Marionettengebälke possierlich glotzt; Hier Wahrsager mit ihrer gesprenkelten Schlangenbrut. –

Alles tummelt im Freien sich hier: der geschäftige Garkoch siedet, er fürchtet den seltenen Regen nicht; Ihn umgibt ein Matrosengeschwader, die heiße Kost Schlingend gierigen Muts. An die Ecke der Straße dort Setzt ihr Tischchen mit Kupfermoneten die Wechslerin, Hier den Stuhl der gewandte Barbier, und er schabt, nachdem Erst entgegen dem sonnigen Strahl er ein Tuch gespannt.

Dort im Schatten die Tische des fertigen Schreibervolks, Stets bereit zu Bericht und Suppliken und Liebesbrief:

Ob ein Knabe diktiere der fernen Ersehnten sein Seufzen, oder ein leidendes Weib den verwiesenen Gatten tröste, verbannt nach entlegener Insel, ihn, Der sein freies Gemüt in dem untersten Kerker quält Hoffnungslos, und den Lohn, der erhabenen Tugend Lohn

Erntet.- Aber entferne die schattende Wolke, Schmerz! –

Auch zum Molo bewegt sich die Menge, wo hingestreckt Sonnt die nackenden Glieder der bräunliche Lazzaron.

Capri siehst du von fern in dem ruhigen Wellenspiel; Schiffe kommen und gehn, es erklettern den höchsten Mast Flugs Matrosen, es ladet die Barke dich ein zur Fahrt.

Den Erzähler indessen umwimmelt es, Jung und Alt, Stehend, sitzend, zur Erde gelagert und übers Knie Beide Hände gefaltet, in horchender Wißbegier:

Roland singt er, er singt das gefabelte Schwert Rinalds; Oft durch Glossen erklärt er die schwierigen Stanzen, oft Unterbrechen die Hörer mit mutigem Ruf den Mann.

Aufersteh o Homer! Wenn im Norden vielleicht man dich Kalt wegwiese von Türe zu Tür, oh so fändst du hier Ein halbgriechisches Volk und ein griechisches Firmament! –

Mancher Dichter vielleicht, in der Öde des Nords erzeugt, Schleicht hier unter dem Himmel des Glücks, und dem Heimatland Stimmt er süßen Gesang und gediegenen Redeton, Den es heute vermag zu genießen und morgen noch, Der zunimmt an Geschmack mit den Jahren, wie deutscher Wein:

Freiheit singt er und männliche Würde der feigen Zeit, Schmach dem Heuchler und Fluch dem Bedrücker und Jedem, der Knechtschaft prediget, welche des Menschengeschlechts Verderb.

Ach, nicht wähnt er den Neid zu besiegen und weilt entfernt, Taub den Feinden und hoffend, es werde die spätre Welt Spreu von Weizen zu scheiden verstehn. – Wie erhaben sinkt Schon die Sonne! Du ruhst in der Barke, wie süß gewiegt!

Weit im Zirkel umher, an dem busigen Rand des Golfs, Zünden Lichter und Flämmchen sich an in Unzähligkeit, Und mit Fackeln befahren die Fischer das goldne Meer.

O balsamische Nächte Neapels! Erläßlich scheint’s, Wenn auf kurze Minuten das schwelgende Herz um euch Selbst Sankt Peter vergißt und das göttliche Pantheon, Monte Mario selbst, und o Villa Pamfili, dich, Deiner Brunnen und Lorbeerumschattungen kühlsten Sitz! –

Doch der Morgen erscheint, und der Gipfel des Tags nach ihm:

Traust du schon dem Gelispel der Welle dich an? Wohin?

Führt ein Wind die Orangengerüche Sorrents heran?

Ja, schon schimmert von fern an dem Strande, mit Tassos Haus, Jene felsige Stadt, die berauschende, voll von Duft.

Was sagt ihr dazu? Was hat der Dichter sich dabei nun wohl gedacht?

1 Kommentar

  1. Oliver:

    Ich würde sagen, dass es eine Hommage an die Stadt Neapel ist und er seine Eindrücke und Empfindungen bei einem Stadtbummeln in Worte gefasst hatte. Der Dichter August von Platen ist mir gar nicht geläufig gewesen.

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